Faszien - ist der Hype gerechtfertigt?

Das Thema Faszien ist momentan so beliebt und aktuell wie noch nie.

Zahlreiche Therapien behaupten, gezielt die Faszien zu behandeln oder machen sie für alle Probleme verantwortlich.

Außerdem zielen immer mehr Kurse auf den Einfluss von Faszien ab.

In diesem Artikel möchte Ich über das Thema Faszien aufklären, einen tieferen Einblick geben und auch meine persönliche Meinung mitteilen.

Was sind Faszien?

Die Faszien gleichen optisch einem Spinnennetz - sie verbinden alles miteinander.
Die Faszien gleichen optisch einem Spinnennetz - sie verbinden alles miteinander.

Faszien sind seit kurzer Zeit Gegenstand von Forschung, Therapie und Medien.

Während Wissenschaftler beeindruckendes über Faszien gelernt haben, wurde dieses Thema von den Medien bzw. für das Marketing aufgegriffen und benutzt. Von "Faszienrollen" bis zum "Faszienyoga" - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Auch die Osteopathie behauptet teilweise, Faszien erspüren zu können.

 

Doch was sind Faszien überhaupt?

 

Faszien (aus dem lateinischen für Bündel oder Band) sind im grunde genommen Bindegewebe. Was genau man als Faszie bezeichnet, ist Definitionssache. Für den einen zählen alle Arten von Bindegewebe zu den Faszien (Bänder, Sehnen, Organkapseln etc.), für den anderen sind nur die flächigen Faszien-Strukturen gemeint.

 

Egal wie man es definiert - Faszien umgeben und verbinden jede Struktur im Körper miteinander. Man kann es sich vorstellen wie ein Spinnennetz - filigran und doch stark, umgeben sie Muskeln, Bänder, Knochen, Organe, Hirnhäute, Gefäße - einfach alles.

Dabei sind Faszien nicht nur einfach totes Gewebe, das sich nicht mehr verändert oder keine Aufgabe hat - es besteht aus zahlreichen, unterschiedlichen Zellen. Dazu zählen Rezeptoren, Blutgefäße, Nerven und Flüssigkeiten.

Funktionen der Faszien

Faszien haben zahlreiche Aufgaben.
Faszien haben zahlreiche Aufgaben.

Faszien haben viele Funktionen, die wir zum Teil erst seit kurzem verstehen und die noch Gegenstand der momentanen Forschung sind.

 

  • Zum einen sind Faszien wichtig für die Strukturerhaltung (Formgebend) bzw. dienen als Stütze (Stabilität). Die elastischen Federn der Faszien können Kräfte aufnehmen und umleiten und haben somit eine Schutzfunktion.
  • Die gerade genannten elastischen Federn sind aber auch wichtig für die Kraftübertragung und Bewegung. Die Faszien steigern also ebenfalls die Muskelkraft!
  • Des weiteren transportieren Faszien Flüssigkeiten und haben somit eine ernährende Funktion! Aber auch andere Flüssigkeiten können transportiert werden, wie z.B. Lymphe oder interstitielle Flüssigkeit.
  • Da die Faszien wie bereits erwähnt zahlreiche unterschiedliche Zellen zur Reizweiterleitung und Sinneswahrnehmung haben, stellen sie auch ein Sinnesorgan dar.
  • In den Faszien befinden sich phagozytierende Immunzellen, sie sind also Teil des Immunsystems!
  • Wie schon gesagt verbindet das fasziale System alle anderen Systeme, u.a. das viszerale, parietale, psychoemotionale System etc. miteinander.
  • Für kurze Zeit können auch Schlackenstoffe in den Faszien abgelagert werden, die dann später abtransportiert werden.

Physiologie der Faszien

Die Physiologie der Faszien ist komplex. Es finden sich zahlreiche Zellen, die unterschiedliche Aufgaben haben.

Die wichtigsten Zellen und Erkenntnisse möchte ich im folgenden aufzählen.

 

Rezeptoren:

Golgi: Diese Zellen befinden sich in den Muskel-Sehnen-Übergängen, in Gelenkkapseln und den Ligemanten peripherer Gelenke. Sie sind sensitiv auf Muskelanspannung und sehr kräftige Dehnreize. Ihre Funktion ist die Propriozeption sowie eine muskuläre Tonussenkung. Neue Forschungen zeigen allerdings, dass diese Rezeptoren nicht auf passive Dehnung reagieren wie vermutet wurde. Es ist also davon auszugehen, dass die muskelentspannende Wirkung dieser Rezeptoren nur bei aktiver Anspannung der Muskulatur sowie bei kräftigen Manipulationen wirksam ist.

 

Pacini: Pacini Zellen können in Muskel-Sehnen-Übergängen, tiefen Kapselschichten, spinalen Ligamenten und einhüllenden Muskelfaszien lokalisiert werden. Sie sind sensitiv auf Druckwechsel und sind wichtig für die Propriozeption. Da Pacini Rezeptoren eine niedrige Reizschwelle haben und rasch adaptieren, geht man davon aus, dass sie bei ruckartigen, vibratorischen oder schaukelenden Behandlungstechniken angesprochen werden.

 

Ruffini: Auch die Ruffini Zellen können in den Ligamenten peripherer Gelenke gefunden werden, sowie in den äußeren Kapselschichten und in der Dura Mater (und anderen auf regelmäßige Dehnung angelegte Faszien). Sie sind speziell empfindsam für wechselnden und anhaltenden Druck sowie für Tangentialbelastungen. Ihre Funktion ist erneut die Propriozeption aber auch die Sympathikus inhibition. Sie haben ebenfalls eine geringe Reizschwelle, sind aber langsam adaptierend, was wiederum bedeutet, dass man sie auch mit ruhigeren Techniken ansprechen kann.

 

Weitere Erkenntnisse

  • Faszien können sich eigenständig zusammenziehen. Der Spannungszustand wird durch Botenstoffe unseres Nervensystems gesteuert - Stress erhöht die Faszienspannung.
  • Rezeptoren reagieren auf Druck, Dehnung, Muskelanspannung und machen das Faszien-Netzwerk zu einem wichtigen Sinnesorgan für die Körperwahrnehmung (Propriozeption).
  • Faszien können verkleben, wenn es aufgrund von Verspannungen zu einem Stau der Lymphe kommt (Fibringerinnung). Außerdem können sie durch Schonhaltung, Bewegungsmangel und andere Faktoren verkürzen oder verhärten. Die gut dehnbaren Elastinanteile nehmen ab und werden durch das zähe Kollagen ersetzt.
  • Über die verschiedenen Rezeptoren und freien Nervenendigungen wird das vegetative Nervensystem direkt durch manuelle Techniken beeinflusst.
  • Alle Faszien stehen untereinander in Verbindung. Deshalb können Schmerzen oder Symptome über den ganzen Körper transportiert werden und an anderer Stelle Probleme bereiten.
  • Faszien bilden eine veränderliche Grundmatrix. Diese passt sich über Wochen und Monate den unterschiedlichen Belastungen des Körpers an.
  • Wird durch manuelle Manipulation die Lage der Muskeln und die Gleitfähigkeit der Faszien verändert, ändert sich oft spontan die Form des behandelten Körperteils und dessen Beweglichkeit nimmt drastisch zu
  • Das Grundsystem, bestehend aus der Extrazellulären Substanz, umgibt das Bindegewebe und wird von ihm transportiert. Es hat bedeutende Funktionen (Versorgung, Entsorgung, Informationsaustausch etc.), ist Grundlage aller Vorgänge und hängt direkt mit den Faszien zusammen.

Fazit und persönliche Meinung

Faszien sind ein wichtiger Bestandteil des Körpers. Wir sind gerade erst dabei zu verstehen, wie wichtig sie wirklich sind.

Die Erforschung der zahlreichen Zellen und Rezeptoren gibt uns einen Einblick in die Welt der Faszien. Was wir mittlerweile wissen ist, dass Faszien sich durch den gesamten Körper ziehen und alle Strukturen miteinander verbinden. Sie sind wichtig für unsere Gesundheit sowie für das Empfinden und  Entstehen von Schmerz.

 

Ich bin der Meinung, dass man Faszien nicht wirklich "erfühlen" kann, wie so oft behauptet. Wer mal eine Faszie in vivo oder in einem Video gesehen hat, versteht warscheinlich was ich meine. Diese Struktur ist viel zu dünn und fein, um sie durch die Haut ertasten zu können.

Stattdessen werden die Faszien bei den meisten Techniken der Osteopathie gleichzeitig mitbehandelt. Als praktischer Nebeneffekt sozusagen.

 

Dasselbe gilt auch für das sogenannte "Faszienyoga" oder "Faszientraining".

Normales Yoga oder Training bzw. generell Bewegung und Sport reicht völlig aus, um die Faszien mit zu trainieren oder zu mobilisieren.

Alles andere empfinde Ich als Marketing, da man die Faszien niemals separat erreichen kann.

"Faszienrollen" wiederum kann ich empfehlen. Auch hier werden natürlich nicht nur die Faszien angesprochen, jedoch können die Faszienrollen vielen Menschen helfen, die Muskulatur, Bänder und Faszien zu dehnen und zu mobilisieren.

 

Ich bin gespannt, welche Erkenntnisse uns die Forschung in der Zukunft noch über die Faszien bringen wird!

Zum Abschluss noch ein faszinierendes Video mit spektakulären Aufnahmen von Faszien:

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Kommentare: 1
  • #1

    Faszien Hamburg (Montag, 12 Juni 2017 22:01)

    Ein sehr interessanter Artikel über die Physiologie unserer Faszien, herzlichen Dank.

 

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